Pflegereförmchen? Dann lieber den Roboter.

Shownotes

DorisDörrie lässt in ihrem neuen Film „Frau Winkler verlässt das Haus“ einen Pflegeroboter bei einer achtzigjährigen Frau einziehen.

Und je länger ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir die Idee.

Vielleicht entlastet ein Roboter nämlich nicht nur die Kinder von ihren Eltern. Vielleicht entlastet er auch die Eltern von ihren Kindern.

Keine müde Tochter, die man lieber nicht noch einmal ruft. Kein Sohn, dem man nicht zur Last fallen möchte. Kein Partner, der irgendwann gleichzeitig Ehepartner, Pfleger und Medikamentenbeauftragter ist.

Und vor allem: Man könnte im eigenen Zuhause bleiben.

Picnic liefert das Essen. #Amazon fast alles, was man sonst noch braucht. Die #Apple Brille bringt mich einmal um die Welt. Und den Rest erledigt Pawlowitsch.

Vielleicht macht uns Technik im Alter nicht abhängiger.

Vielleicht gibt sie uns ein Stück Unabhängigkeit zurück.

Und unsere Kinder dürfen einfach unsere Kinder bleiben.

Transkript anzeigen

00:00:01: Ihre Antwort aufs pflegere Formchen.

00:00:06: Ich möchte später nicht von meinen Kindern gepflegt werden, nicht weil ich ihnen das nicht zumuten möchte?

00:00:13: Das wäre die noble Version!

00:00:15: Ich möchte es mir nicht zumutten.

00:00:18: Ich habe keine Lust mit fünfundachzig darüber nachzudenken ob ich meine Tochter jetzt wirklich schon wiederrufen kann, ob mein Sohn genervt ist, ob eines meiner Kinder eigentlich dringend nach Hause möchte und ob.

00:00:33: Ich möchte auch im hohen Alter noch das Recht haben, anderen Menschen auf die Nerven zu gehen – nur möglichst ohne anschließend ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

00:00:41: Und deshalb finde ich Pavlovich so interessant!

00:00:45: Pavlovic ist ein Pflegeroboter.

00:00:48: Er spielt eine der Hauptrollen in Doris Dörries neuem Film Frau Winkler «Verlässt das Haus».

00:00:54: Frau Winclar ist Achtzig, schwer krank, verwittwürtt und lebt alleine.

00:00:58: Ihre Tochter Emi kümmert sich um sie, möchte aber wieder arbeiten….

00:01:03: Also kommt Pavlovich ins Haus.

00:01:06: Und normalerweise beginnt an dieser Stelle die bekannte Diskussion, kann eine Maschine einen Menschen ersetzen?

00:01:13: Ich glaube das ist die falsche Frage!

00:01:17: Mich interessiert vielmehr – Ist ein Mensch automatisch die bessere Lösung nur weil er ein Mensch isst?

00:01:23: Doris Dörrier hat in einem Interview einen Gedankengäußert den ich ziemlich klug finde.

00:01:29: Für den Pflegebedürftigen kann eine maschine sogar angenehmer sein Nicht nur für die überlastete Tochter, für die Mutter oder den Vater.

00:01:38: Das drehen wir nämlich gerne um!

00:01:40: Wir reden über pflegende Angehörige wie viel sie leisten, wie erschöpft sie sind und wie dringend sie Entlastung brauchen – alles richtig.

00:01:48: Aber dann liegt noch jemand im Bett….

00:01:50: Und der bekommt die Erschöpfung mit.

00:01:53: Der sieht das Gesicht, der hört den Tonfall, der merkt dass jetzt eigentlich ein ungünstiger Moment ist um schon wieder etwas zu brauchen.

00:02:01: Menschen brauchen nicht viel, um zu verstehen dass sie gerade lästig sind.

00:02:06: Ein Blick reicht!

00:02:08: Also wartet man mit dem Wasser, der Toilette und der Frage Und irgendwann sagt man vielleicht diesen wunderbaren Satz Lass mal es geht schon Meistens geht es eben nicht.

00:02:21: Man möchte nur gerade niemandem zur Last fallen.

00:02:24: Pavlovic ist das egal?

00:02:26: Ich kann ihn einmal rufen zehnmal zwanzig Mal.

00:02:29: Er muss nicht dringend weg, er hat keinen schlechten Tag.

00:02:32: Er hat keinen Rücken, seine Ehe läuft nicht schlecht und sein Chef hat ihn auch nicht geärgert.

00:02:37: Vor allem muss ich mich nicht um seine Befindlichkeiten kümmern.

00:02:41: Das ist für mich der interessante Punkt an dieser ganzen Geschichte.

00:02:45: Vielleicht entlastet der Roboter Nicht nur die Kinder von den Eltern vielleicht entlastete er auch die Eltern Von ihren Kindern.

00:02:54: das gefällt mir.

00:02:56: Ich muss Pavlovich nicht schonen.

00:02:58: Ich muss ganz schlechtes gewissen haben, weil ich schon wieder etwas brauche.

00:03:02: Ich darf sogar etwas wollen, dass medizinisch vollkommen überflüssig ist.

00:03:06: Fenster auf zehn Minuten später wieder

00:03:08: zu.".

00:03:09: Pavlovitch wird darüber hinweg kommen.

00:03:11: Bei Menschen ist das komplizierter – vom allem wenn sie uns nahestehen!

00:03:16: Denn Pflege verändert Beziehungen.

00:03:19: Die Tochter fragt irgendwann ob genug getrunken wurde Der Sohn entscheidet, ob der Vater noch allein duschen sollte.

00:03:25: Die Ehefrau sortiert die Tabletten ihres Mannes und der Ehemann hilft seiner Frau auf die Toilette.

00:03:31: Wobei der fliegende Ehemang gesellschaftlich noch einmal interessant ist!

00:03:35: Eine Frau pflegt ihren Mann Ein Mann kümmert sich Aufopferungsfall um seine Frau.

00:03:41: Was sie alles für ihre Frau tun?

00:03:43: Ja Er pflegt sie Willkommen in einer Tätigkeit, die Frauen seit sehr langer Zeit erledigen ohne dass jemand dafür die örtliche Presse verständigt.

00:03:53: Aber unabhängig davon wer wen pflegt?

00:03:56: Aus einem Paar wird irgendwann auch eine kleine Pflegestation mit Medikamentenplan Duschhilfe, Inkontinentseinlagen und Stuhlgang.

00:04:04: Man kann vierzig Jahre miteinander verheiratet sein und trotzdem zu dem Ergebnis kommen das nicht jedes Detail des Lebens gemeinsam erledigt werden muss.

00:04:14: Vielleicht ist Pavlovic deshalb gar keine Konkurrenz für eine Beziehung.

00:04:18: Vielleicht hält er ihr eigen, ihr einiges vom Hals?

00:04:22: Und dann wäre auch noch die Sache mit der Intimität!

00:04:25: Wir nennen das gerne Unterstützung bei der Körperpflege.

00:04:28: Klingt sehr ordentlich.

00:04:29: Gemeint ist Irgendwann zieht in jemand die Hose aus und da würde ich schon gerne selbst entscheiden wer das isst.

00:04:37: Tochter, Sohn, Ehefrau, Ehemann, Pflegerin, Pflegger oder Pavlovich?

00:04:43: Ich finde Pavlovic plötzlich erstaunlich konkurrenzfähig.

00:04:47: Der findet meinen alten Körper wieder schön, noch hässlich!

00:04:50: Er ist nicht peinlich berührt und hat kein Mitleid.

00:04:53: Und ich muss in seinem Gesicht nicht nachsehen was er gerade denkt.

00:04:57: Er denkt im Zweifel gar nichts.

00:05:00: Von jenem Nackt gesehen zu werden der sich absolut nichts dabei denkt könnte dem Alter ein unterschätzter Luxus sein.

00:05:07: Und medizinisches Pavlovic vermutlich ebenfalls nicht ganz unpraktisch.

00:05:11: Er kennt meine Medikamente, meine Diagnosen, meine Werte.

00:05:15: Er vergisst nichts und wenn etwas passiert gerät er nicht in Panik!

00:05:20: Er weiß was zu tun ist.

00:05:22: Doris Dörre geht aber noch weiter bis zum Sterben.

00:05:26: auch darüber kann Frau Winkler mit Pavlovic sprechen Und da wird es für mich richtig interessant.

00:05:32: Mit Menschen über den eigenen Tod zu sprechen ist nämlich gar nicht so einfach vor allem mit den eigenen Kindern.

00:05:38: Sagen Sie einmal, ich möchte mit Euch besprechen was passieren soll wenn Ich nicht mehr selbst entscheiden kann.

00:05:45: Mit etwas Glück kommen sie bis zum zweiten Satz.

00:05:49: Dann heißt es Mama!

00:05:52: Dieses eine Wort reicht meistens schon oder?

00:05:55: Papa jetzt fangen nicht damit an.

00:05:57: Warum eigentlich nicht?

00:05:59: Es ist mein Tod.

00:06:00: Trotzdem muss sich plötzlich die anderen beruhigen.

00:06:02: Nein nein noch ist nichts los.

00:06:04: Keine Sorge mir geht's gut.

00:06:07: Eigentlich wollte ich gerade über meinen Sterben sprechen und fünf Minuten später tröste ich meine Kinder.

00:06:12: Auch eine interessante Aufgabenteilung!

00:06:15: Bei Pavlovic entfällt dieser Teil, Ich kann ihm sagen was ich möchte, was medizinisch noch gemacht werden soll oder nicht, Was für mich ein erträgliches Leben ist und wann.

00:06:24: ich finde das es reicht.

00:06:26: Er bekommt davon keine schlaflose Nacht sehr unromantisch.

00:06:30: Ich finde das hervorragend.

00:06:32: Natürlich kann Pavlovich mich nicht lieben Aber das ist ja auch gar nicht sein Job.

00:06:38: Vielleicht liegt genau da unser Denkfehler?

00:06:41: Wir verlangen von einer Maschine Menschlichkeit und übersehen, dass ausgerechnet ihre Unmenschlichkeit manchmal ihr größter Vorteil sein könnte!

00:06:50: Keine Launen keine Kränkung keine Erschöpfung kein Mitleid und kein schlechtes Gewissen.

00:06:54: wir haben große Angst davor, dass Maschinen irgendwann menschlich werden.

00:06:59: Vielleicht sollten wir uns mindestens genauso sehr dafür interessieren, was passiert wenn Menschen keine Zeit mehr haben menschlich zu sein.

00:07:08: Und je länger ich über Pavlovic nachdenke desto weniger erschreckt mich die Vorstellung eigentlich könnte das ganz hervorragend werden.

00:07:16: Picnic liefert das Essen Amazon bringt mir fast alles was ich sonst noch brauche.

00:07:21: meine Apple Brille bringt mich einmal um die Welt ohne dass sich mein Haus oder gar meinen Bett verlassen muss und alles andere Erledigt Pavlovic.

00:07:32: Der weiß, welche Tabletten ich nehmen muss.

00:07:34: Er hilft mir beim Duschen und merkt wenn medizinisch etwas nicht stimmt er macht das Fenster auf und wieder zu Und wenn ich nachts um drei der Meinung bin wir könnten jetzt einmal über meinen Tod sprechen hat er auch dafür Zeit.

00:07:47: Das sind doch mal erleichternde Aussichten.

00:07:49: und das Beste daran Ich kann in meinem Zuhause bleiben in meinem Bett, mit meinen Sachen, meinem Kaffee, meinem Tagesablauf und vermutlich mit einer gewissen Restherrschaft über mein eigenes Leben.

00:08:02: Vielleicht habe ich die Zukunft des Alterns bisher vollkommen falsch betrachtet?

00:08:07: Wir reden immer darüber was uns die Technik wegnehmen könnte.

00:08:11: vielleicht sollten wir langsam einmal darüber reden was sie uns zurückgeben könnte unabhängig zum Beispiel Denn plötzlich brauche ich meine Kinder nicht mehr, damit mein Alltag funktioniert.

00:08:23: Das heißt ja nicht dass es sie gar nicht mehr braucht!

00:08:26: Ich brauche sie für etwas anderes als Kinder und vielleicht ist genau das der entscheidende Unterschied.

00:08:33: Meine Kinder müssen nicht kommen.

00:08:35: Sie können kommen Sie müssen mich nicht versorgen Sie können mich besuchen.

00:08:41: Sie müssen nicht kontrollieren ob ich meine Tabletten genommen habe.

00:08:45: Sie können sich darüber aufregen Dass ich Ihnen ungefragt erzähle, was Sie in Ihrem Leben alles falsch machen.

00:08:52: Ich stelle – so stelle ich mir Familie eigentlich vor!

00:08:55: Und wenn ich mir das Gesamtpaket ansehe, Picnic fürs Essen, Amazon für den Rest, Apple für die große weite Welt, Pavlovitch für mich….

00:09:03: Meine Kinder können einfach zu Besuch kommen.

00:09:06: Vielleicht besteht die Würde im Alter nicht darin dass unbedingt ein Mensch unsere Hand hält?

00:09:11: Vielleicht besteht sie darin, dass wir selbst entscheiden dürfen wer es

00:09:15: tut?!

00:09:16: Also mir gefällt das.

00:09:18: Pavlovich kann einziehen, nur eine sollte man ihm vorher einprogrammieren.

00:09:23: wenn meine Kinder kommen hat er frei.

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