Wenn du nicht mehr zählst. Bärbel Bas, Macht und Freundschaft
Shownotes
Wenn du nicht mehr zählst. Bärbel Bas, Macht und Freundschaft.
Bärbel Bas tritt zurück. Alexander Schweitzer übernimmt. Die Politik sortiert sich neu.
War Bärbel Bas ein Bauernopfer? Hat die SPD ihren Rücktritt politisch genutzt? Und wer war eigentlich für sie da, als sie selbst Unterstützung brauchte?
Fine Engels betrachtet den Rücktritt, die Debatte um Gerhard Schröder und die unterschiedlichen Maßstäbe, mit denen Männer und Frauen beurteilt werden.
Doch hinter der politischen Geschichte steckt eine Frage, die weit über Berlin hinausgeht:
Wer bleibt, wenn du nicht mehr gebraucht wirst?
Ein Geschäftsführer geht nach Jahrzehnten in den Ruhestand. Plötzlich klingelt das Telefon seltener. Einladungen bleiben aus. Und irgendwann stellt er fest, dass er weniger Freunde hatte als Telefonnummern.
Haben wir berufliche Anerkennung mit Freundschaft verwechselt? Ist gebraucht zu werden dasselbe wie geliebt zu werden? Und sind wir selbst so loyal, wie wir es von anderen erwarten?
Eine Folge über Macht, Rollenverlust, Enttäuschung und die überraschend schwierige Frage, was eine Freundschaft eigentlich wert ist.
Denn Freundschaft fängt vielleicht genau dort an, wo sie sich nicht mehr rechnet.
Mit Fine Engels
Transkript anzeigen
00:00:00: Das Thema, wo Freundschaft endet wenn du nicht mehr funktionierst.
00:00:06: Fangen wir mit einem Experiment an!
00:00:08: Wir drehen mal kräftig am Geschlechterrollenkarussell.
00:00:12: eine Politikerin mit fünf ehem wechselnden Partnern einem ausgehängten ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung Designerkleidung Fußball Leidenschaft und einem sehr selbstbewussten Auftreten Würde man sie als lebenslustig, authentisch oder durchsetzungsstark beschreiben?
00:00:29: Oder eher als sprunghaft eitel und privat nicht gefestigt.
00:00:33: Na über wen reden wir denn hier?
00:00:36: Richtig Gerhard Schröder fünfmal verheiratet aus einfachsten Verhältnissen bis ins Kanzleramt.
00:00:42: ein Mann der wusste wie man sich verkauft.
00:00:45: seine Herkunft wurde Teil seiner Erfolgsgeschichte.
00:00:47: die Junge von ganz unten der es allen gezeigt hat.
00:00:51: Und jetzt Bärbel Bas.
00:00:54: Auch sie kommt aus einfachen Verhältnissen.
00:00:56: Auch sie hat sich ihren Weg nach oben erarbeitet, aber bei ihr lohnt es sich genauer hinzusehen wie über Sie gesprochen wird.
00:01:05: Über Ihr Auftreten, Ihre Sprache, ihre Kleidung, Ihr Aussehen.
00:01:08: Bei Schröder wurde aus der Herkunft eine Geschichte über Ehrgeiz und Aufstieg.
00:01:13: Bei Baas stellt sich die Frage ob dieselbe Herkund gelegentlich als Merkel wahrgenommen wird?
00:01:18: Natürlich kann man Ihre Politik kritisieren!
00:01:21: Man kann sie nicht sympathisch finden Man muss nicht einmal ihren Stil mögen.
00:01:26: Aber seit wann ist Sympathie eine Voraussetzung für Kompetenz?
00:01:30: Und warum beschäftigen wir uns bei einer Frau so bereitwillig damit, wie sie aussieht und wie sie sich gibt?
00:01:36: Vielleicht sollten wir uns weniger fragen ob Bärbel Bas in unser Bild einer Spitzenpolitikerin passt – und mehr wer dieses Bild eigentlich geprägt hat!
00:01:48: Sie spricht über den Tod ihrer Stiefdochter, über ihre Trauer, über die politischen Angriffe, die auch in dieser Zeit nicht aufgehört haben.
00:01:56: Und schon steht eine Frage im Raum, die man sich bei einem Mann vielleicht anders oder gar nichts stellen würde.
00:02:03: War das jetzt weinerlich?
00:02:05: Mit Leid heischend?
00:02:06: typisch Frau?
00:02:08: Hätte sie sich zusammenreißen sollen, die Zähne zusammen beißen weiter machen?
00:02:12: schließlich wird sie ziemlich gut für ihren Job bezahlt!
00:02:15: Oder habe wir inzwischen jegliche Empathie?
00:02:19: Man muss Bärbelbars nicht mögen.
00:02:22: Man darf ihre Politik für falsch halten, man darf sogar erleichtert sein dass sie zurücktritt.
00:02:27: Aber muss man deshalb auch noch über die Art urteilen wie ein Mensch mit einem persönlichen Verlust umgeht?
00:02:34: Und seit wann ist es eigentlich an Zeichen von Schwäche zu sagen?
00:02:38: ich kann gerade nicht mehr.
00:02:40: Wir reden ständig über mentale Gesundheit über Achtsamkeit über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie Unternehmen veranstalten Gesundheitstage, Führungskräfte besuchen Resilienz-Seminare und auf LinkedIn wird die Verletzlichkeit zur neuen Managementkompetenz erklärt.
00:02:56: Aber wehe!
00:02:57: Jemand ist tatsächlich verlässlich – dann ist das mit der Empathie offenbar doch nicht ganz so einfach.
00:03:05: Wir bewundern Menschen, die ihre Grenzen kennen, solange sie diese Bitte nicht öffentlich zeigen.
00:03:10: Dabei ist Empathiek keine Belohnung für Menschen, Sie ist gerade dann gefragt, wenn wir jemanden nicht mögen.
00:03:17: Wenn wir seine Ansichten ablehnen, seine Entscheidungen kritisieren und mit ihm vermutlich nicht einmal freiwillig einen Kaffee trinken würden – Mitgefühl verpflichtet schieß ich nicht zur politischen Zustimmung!
00:03:28: Aber eines beschäftigt mich an diesem Rücktritt noch.
00:03:33: War es eigentlich nötig dem Koalitionspartner in einer Rücktritserklärung auch noch den Schwarzen Peter zuzuschieben?
00:03:39: War das
00:03:40: klug?!
00:03:41: War das ihre ganz persönliche Abrechnung oder steckte vielleicht auch politisches Kalkül dahinter?
00:03:46: Ich weiß es nicht, aber interessant ist doch wie schnell anschließend alles ging.
00:03:52: Werbelbar es geht – Alexander Schweizer kommt!
00:03:55: Nach seiner Wahlniederlage in Rheinland-Pfalz hat Schweizer damit wieder ein bundespolitisches Spitzenamt Eine Frau verlässt das Ministerium einen Mann übernimmt.
00:04:05: Vielleicht ist Schweizer tatsächlich die naheliegendste Besetzung.
00:04:09: Er bringt schließlich Regierungserfahrungen mit.
00:04:11: Aber ich frage mich schon, ob man bei einer weniger dramatischen Personelladeentscheidung nicht ausführlicher diskutiert hätte.
00:04:18: Warum auf eine Frau nicht wieder eine Frau folgt?
00:04:22: Und wer weiß vielleicht war der deutliche Seitenhieb auf den Koalitionspartner für die SPD auch ganz willkommen!
00:04:29: Dass man berbelbarst diese Formulierung nahegelegt oder gar aufgedrängt hat wissen wir nicht.
00:04:35: Es wäre unfair das einfach zu behaupten.
00:04:37: aber die Frage darf man stellen wem eine solche Erklärung politisch nützt.
00:04:42: Denn selbst wenn jemand aus sehr persönlichen Gründen geht, bedeutet das noch lange nicht dass andere daraus kein politisches Kapital schlagen.
00:04:52: Ich halte es inzwischen sogar für möglich, dass Bärbel Bas zum Bauernopfer geworden ist.
00:04:57: Vielleicht war sie den Anforderungen ihres Amts nicht gewachsen.
00:05:00: Das wäre ein Grund ihre politische Arbeit kritisch zu beurteilen aber es erklärt noch nicht wer von ihrem Abgang profitiert.
00:05:08: Die SPD kann sich neu ausstellen, die Union bekommt einen anderen Verhandlungspartner und während Bars um ihre Stiefdochter trauert.
00:05:15: Läuft die politische Neuordnung bereits auf Hochtouren?
00:05:19: Bei Markus Lanz wurde diese Woche diskutiert ob die SPD den Rücktritt selbst politisch nutzt.
00:05:25: Sigmar Gabriel wollte eine solche Strategie nicht bestätigen – auch das gehört zur Betrachtung!
00:05:31: Nicht nur die Union, aber auch die SPD hat eigene Interessen.
00:05:35: Hat jemand versucht, Bas in ihrer persönlichen Situation zu beeinflussen?
00:05:39: Keine Ahnung.
00:05:40: Dafür gibt es keinen Beleg aber die Frage wer ihr in dieser Zeit beigestanden hat und wer vor allem mit ihren Nachfolge beschäftigt war finde ich durchaus legitim.
00:05:52: Man muss jemanden nicht aus dem Amt drängen um von seinem Abgang zu profitieren.
00:05:57: Und dann gibt es da noch die Brüder Schnieder.
00:06:00: Patrick Schnieder verlor im Sommer seinen Ministerposten.
00:06:03: Sein Bruder Gordon, inzwischen Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz war über den Umgang von Friedrich Merz mit Patrick alles andere als begeistert.
00:06:11: Loyalität ist keine Einbahnstraße erklärte Gordon Schnieder damals.
00:06:16: Jetzt bekommt ausgerechnet Alex Schander Schweizer – Gordens ehemaliger Konkurrent um das Ministerpräsidentenamt einen Ministerpossen in Berlin.
00:06:25: Gordon gratuliert.
00:06:26: Die Zusammenarbeit wird gelobt, überall wird Respekt bekundet.
00:06:30: Ob das politische etwas ausgeglichen hat?
00:06:33: Keine Ahnung Belege für eine Absprache gibt es jedenfalls nicht.
00:06:37: Aber man kann sich schon fragen wie viele Interessen bei solchen Personalentscheidungen gleichzeitig eine Rolle spielen.
00:06:44: Die SPD hat einen erfahrenen Nachfolger die Union kann auf neue Gespräche über die Sozialreform hoffen und alle Beteiligten haben Gelegenheit ihre Entscheidungen öffentlich zu erklären.
00:06:55: Hat am Ende jeder etwas gewonnen?
00:06:58: Vielleicht nicht jeder.
00:07:00: Und vielleicht ist doch Bärbelbars Rücktritt für sie selbst nicht ausschließlich ein Verlust, aber während die politische Personalplanung weiterläuft bleibt eine Frage Was ist eigentlich aus dem Menschenbärbel-Bars geworden?
00:07:13: und da fällt mir ein Wort ein dass Sie selbst an das Ende Ihrer Rücktrützerklärung gesetzt hat.
00:07:18: Freundschaft!
00:07:20: Ein schönes Wort besonders in einer Partei in der man sich traditionell Genossen nennt.
00:07:25: Aber was ist diese Freundschaft eigentlich wert, wenn es schwierig wird?
00:07:29: Damit meine ich nicht, dass jeder politische Weggefährte automatisch ein persönlicher Freund sein muss.
00:07:35: Auch nicht das.
00:07:36: Loyalität bedeutet jede Entscheidung mitzutragen!
00:07:39: Ein Freund darf widersprechen – er sollte es sogar, wenn er einen guten Grund dafür hat.
00:07:46: Aber es gibt einen Unterschied zwischen Widerspruch und dem Bedürfnis jemanden auch noch dann zu treffen, Und dieser Unterschied interessiert mich weit über die Politik hinaus.
00:07:59: Nehmen wir einen Mann, Anfang sechzig Jahrzehntelang Geschäftsführer erfolgreich angesehen bestens vernetzt Sein Telefon klingelt ständig Einladung, Geschäftsessen Geburtstage.
00:08:10: Er kennt Gott und die Welt!
00:08:11: Und Gott und Die Welt kennen ihn.
00:08:15: Dann geht er in den Ruhestand.
00:08:16: Anfangs klinglt das Telefon noch.
00:08:18: Schließlich hat man viel miteinander erlebt.
00:08:21: Man muss unbedingt in Verbindung bleiben.
00:08:23: Wir telefonieren Wir gehen essen, wir sehen uns.
00:08:26: Sie kennen diese
00:08:27: Sätze.".
00:08:28: Nach einem halben Jahr wird es ruhiger.
00:08:30: Nach einem Jahr stellt er fest, dass er offenbar weniger Freunde hatte als Telefonnummer.
00:08:36: und jetzt könnte man natürlich sagen so sind die Menschen eben!
00:08:41: Aber sind sie wirklich so?
00:08:42: oder haben wir berufliche Erkennung mit persönlicher Zuneigung verwechselt?
00:08:47: Vielleicht war er für manche ein interessanter Geschäftspartner.
00:08:52: Solange er Entscheidungen treffen konnte, vielleicht war er selbst auch nicht besonders interessiert an Menschen die ihm beruflich nichts mehr zu bieten hat.
00:09:01: Das wird bei solchen Betrachtungen gerne vergessen.
00:09:05: Wir sind nämlich erstaunlich schnell dabei die mangelnde Loyalität anderer zu beklagen Und die eigene prüfen wir etwas seltener.
00:09:14: Wann haben Sie zuletzt einen ehemaligen Kollegen angerufen, der beruflich keine Rolle mehr spielt?
00:09:20: Wann habe sie eine Freundin besucht, deren Leben seit ihrer Erkrankung hauptsächlich aus Arztterminen besteht?
00:09:26: und wann haben sie jemand nicht mehr eingeladen weil er ständig Probleme hatte und in die Gespräche irgendwann zu anstrengend wurden?
00:09:33: Das sind keine besonders angenehmen Fragen ich weiß und natürlich darf man sich abgrenzen.
00:09:38: Niemand muss sich für andere aufopfern, auch Freundschaft hat Grenzen.
00:09:42: Aber zwischen einer notwendigen Grenze und einem bequemen Verschwinden liegt ein Unterschied.
00:09:48: Vielleicht kennen sie auch jemanden der immer für andere da war Der Geldverliehen zugehört geholfen organisiert und sich gekümmert hat Und er irgendwann feststellen musste das Erstaunliche wenig zurückkam.
00:10:00: Solche Menschen fragen dann häufig Was habe ich falsch gemacht?
00:10:04: Vielleicht gar nichts.
00:10:06: Vielleicht haben sie aber auch jahrzehntelang Beziehungen gepflegt, in denen ihre Hilfsbereitschaft selbstverständlich geworden ist.
00:10:12: Und vielleicht haben Sie selbst geglaubt Gebrauch zu werden soll dasselbe wie geliebt zu werden.
00:10:18: Das ist ein schmerzhafter Unterschied Denn gebraucht zu werden ist zunächst einmal eine Funktion.
00:10:24: Gelieb zu werden sollte keine sein.
00:10:27: Und damit sind wir wieder bei Bärbel Bas.
00:10:30: Bei einer Frau, deren politische Arbeit man kritisieren kann ohne ihre traurigen Frage zu stellen – bei einer Politikerin, deren herkunftende Auftreten Anlass sein sollten unsere eigene Maßstäbe zu prüfen und bei einem Rücktritt der uns daran erinnert dass auch Menschen in spitzen Positionen ein Privatleben haben indem Dinge geschehen gegen die weder Macht noch Geld noch ein Ministeramt helfen.
00:10:54: Was ich allerdings nicht möchte, ist Berbel-Bars zur Heldin zu erklären.
00:10:58: Nur weil sie zurückgetreten ist!
00:11:01: Das wäre die nächste Übertreibung.
00:11:03: Sie ist ein Mensch der eine Entscheidung getroffen und dafür persönliche Gründe genannt hat.
00:11:08: Über ihre politischen Leistungen Fehler kann weiterhin gestritten werden aber vielleicht gelegen durch dieser Streit ohne dabei die Menschlichkeit über Bord zu werfen?
00:11:17: Und vielleicht nehmen wir aus der ganzen Geschichte noch etwas mit Nicht die bequeme Erkenntnis, dass die Politik ein schmutziges Geschäft ist.
00:11:24: Das wussten wir vorher!
00:11:26: Sondern die wesentlich unbequemere Frage Sind wir selbst eigentlich so loyal wie wir es von unseren Freunden erwarten?
00:11:35: Oder haben auch wir schon Menschen aus unserem Leben verschwinden lassen weil sie anstrengend geworden sind krank waren oder uns nichts mehr geben konnten?
00:11:44: Ich glaube wir sollten uns diese frage gelegentlich stellen nicht um uns anschließend ein schlechtes Gewissen zu machen, sondern weil man etwas ändern kann.
00:11:53: Sobald man es bei sich selbst bemerkt!
00:11:56: Vielleicht gibt es jemanden den wir schon lange anrufen wollten?
00:12:00: Jemand der uns heute nichts mehr und nichts mehr nutzt aber einmal wichtig war Dann wäre doch jetzt ein guter Anlass Nicht aus Pflichtgefühl Sondern weil wir es selber gerne wollen.
Neuer Kommentar