Wir wollten, dass unsere Kinder es besser haben. Was ist daraus geworden?
Shownotes
Wir haben unseren Kindern versprochen, dass sie es einmal besser haben werden.
Jetzt gehen junge Menschen in Frankreich auf die Straße. Was als Protest gegen schlechte Schulbedingungen begann, wirft eine Frage auf, die weit über Frankreich hinausgeht:
Was ist aus unserem Versprechen geworden?
Wir haben Karrieren gemacht, Häuser gebaut, Vermögen geschaffen und für unser Alter vorgesorgt. Aber was hinterlassen wir unseren Kindern und Enkeln außer Geld und Immobilien?
In dieser Folge von Silver Love Coaching - Was vom Manne übrig bleibt spricht Fine Engels über den Protestgeist von 1968, die Verantwortung der Generation 60+ und die Frage, ob wir den Jüngeren tatsächlich eine bessere Zukunft hinterlassen.
Es geht um Generationengerechtigkeit, das Älterwerden und die Verantwortung, die nicht mit dem Berufsleben endet.
Und um eine Hoffnung: Junge Menschen haben ihre Zukunft noch nicht aufgegeben.
„Für unsere Kinder und Enkel ist die Zukunft keine Sonntagsrede. Sie müssen tatsächlich darin leben.“
Ein Podcast von Fine Engels.
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00:00:00: Wir wollten doch, dass es unseren Kindern besser geht.
00:00:04: Was ist daraus geworden?
00:00:07: Wir haben unsern Kindern beigebracht für ihre Zukunft zu lernen!
00:00:11: Jetzt gehen sie auf die Straße weil sie um genau diese Zukunft fürchten und ich finde darüber sollten wir reden nicht nur über Frankreich, Nicht nur über Macron und auch nicht nur Über die Bilder von brennenden Barrikaden Die gerade durch die Nachrichten gehen sondern über uns Über die Generation, die heute zwischen sechszig und achtzig ist.
00:00:33: Die Generationen, die ihre Kinder und Enkel immer wieder ermahnt hat, fleißig zu sein etwas ordentliches zu lernen und sich anzustrengen.
00:00:42: Dann würde schon etwas aus ihnen werden!
00:00:45: Das war unser Versprechen.
00:00:48: Angefangen hat es in französischen Schulen bei Lehrer fehlen, weil Klassen überfüllt sind, weil Gebäude verfallen, weil Unterricht auswählt.
00:00:56: Inzwischen gehen hunderttausende auf die Straße Schüler, Studenten, Gewerkschafter und Menschen, denen die steigenden Lebenshaltungsgrößen und der Zustand öffentliche Einrichtung in Sorge macht.
00:01:07: Es hat Ausschreitungen gegeben – Gewalt gegen Polizisten, Plünderungen und schwere Verletzungen.
00:01:13: Auch das Vorgehen der Polizei steht in der Kritik Aber angefangen hat es mit Jugendlichen, die vernünftig lernen wollten.
00:01:22: Man muss sich das mal vorstellen.
00:01:24: Dagegen Jugendliche nicht auf die Straße, weil sie weniger lernen wollen sondern weil sie überhaupt vernünftig lernen wollen.
00:01:32: Das ist schon eine bemerkenswerte Umkehrung.
00:01:35: Früher haben Eltern ihren Kindern vorgeworfen Sie würden sich zu wenig für die Schule interessieren.
00:01:40: Heute müssen Kinder auf die Strasse gehen damit sich die Erwachsenen ausreichend dafür interessieren und ausgerechnet wir wollen ihnen erklären wie man Verantwortung übernimmt.
00:01:51: Ich bin über sechzig, ich gehöre zu einer Generation die mit einem ziemlich komfortablen Versprechen aufgewachsen ist.
00:01:59: Wenn du dich anstrengst kannst du etwas erreichen.
00:02:02: Nicht jeder wurde reich nicht jeder machte Karriere nicht jede Ehe hielt.
00:02:05: selbstverständlich war früher nicht alles wunderbar aber es gab eine Vorstellung davon dass es vorwärts geht Eine bessere Ausbildung ein höheres Einkommen vielleicht irgendwann ein eigenes Haus Ein sicherer Arbeitsplatz eine Rente von der man leben kann Und vor allem unsere Kinder sollten es einmal besser haben, so wie es uns besser ging als unseren Eltern.
00:02:30: Das sollte doch so weitergehen!
00:02:32: Es war beinahe selbstverständlich – heute frage ich mich wann wir eigentlich aufgehört haben dieses Versprechen zu überprüfen?
00:02:41: Wir haben Häuser gebaut, Vermögen geschaffen, Karrieren gemacht.
00:02:44: Wir haben uns abgesichert soweit das möglich war und jetzt sitzen wir da und wundern uns dass junge Menschen nicht mehr so optimistisch in die Zukunft schauen wie wir damals.
00:02:55: Dabei haben sie durchaus verstanden was wir ihnen beigebracht haben.
00:03:01: Sie rechnen nur inzwischen selbst nach Was kostet eine Wohnung?
00:03:06: Wie sicher ist ein Arbeitsplatz?
00:03:07: Was wird aus dem Klima?
00:03:09: Wer bezahlt die Schulden Und wer kümmert sich um eine Gesellschaft, in der immer mehr Menschen alt werden?
00:03:15: Auf viele dieser Fragen haben wir keine besonders überzeugenden Antworten.
00:03:20: Aber gute Ratschläge haben wir immer noch.
00:03:22: Davon sogar reichlich!
00:03:25: Mich beschäftigt noch etwas anderes – Wir waren doch selbst einmal jung!
00:03:29: In Frankreich gab es den Mai, Studenten und Arbeiter gingen auf die Straße, Universitäten wurden besetzt, Autoritäten in Frage gestellt.
00:03:39: Auch in Deutschland wurde demonstriert.
00:03:42: Gegen alte Machtverhältnisse gegen den Vietnamkrieg, ging das Schweigen der Elterngeneration.
00:03:48: Die Jugend – die Jungen wollten nicht mehr hinnehmen, dass Alten für richtig hielten!
00:03:54: Und heute?
00:03:55: Heute sitzen die damaligen Rebellen in ihren Eigenheim, lesen Zeitungen und schimpfen über Jugendliche, denen Unterricht blockieren.
00:04:02: Natürlich ist das zugeschwitzt aber ein bisschen komisch ist es doch schon.
00:04:07: Damals war Protest Ausdruck eines erwachsenen politischen Bewusstseins.
00:04:13: Heute heißt es schnell!
00:04:14: Die Jugendlichen sollten lieber etwas Vernünftiges tun zum Beispiel zur Schule gehen.
00:04:19: Dorthin wo sie gerade gegen die schlechten Bedingungen protestieren.
00:04:24: Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so ernst wäre.
00:04:27: Und bevor wir uns fürs Verstehen – wer Autos anzunimmt, Geschäfte plündert oder Menschen angreift, begeht keine besonders engagierte Form der politischen Meinungsäußerung.
00:04:37: Gewalt bleibt Gewalt!
00:04:40: Aber wer nur noch über brennende Autos spricht muss sich mit den fehlenden Lehrern nicht mehr beschäftigen.
00:04:46: Das ist ausgesprochen praktisch.
00:04:48: Man verurteilt die Ausschreitungen und kann sich anschließend wieder dem Tagesgeschäft widmen.
00:04:54: Das Problem ist nur die Jugendlichen gehen deshalb nicht mit besseren Zukunftsaussichten nach Hause.
00:05:00: Vielleicht ist das der eigentliche Generationenkonflikt?
00:05:04: Wir haben lange darüber gesprochen, was wir unseren Kindern hinterlassen wollen – ein Haus, ein bisschen Geld vielleicht Schockerinnerungen oder ein ordentlich geregeltes Erbe!
00:05:14: Wir beschäftigen uns mit Testamenten, Schenkungen und Erbschaftssteuer.
00:05:18: alles vernünftig aber was es mit dem Rest?
00:05:21: Mit den Schulen, den Straßen und den Krankenhäusern mit den öffentlichen Haushalten.
00:05:25: Und mit der Vorstellung dass sich Leistung lohnt?
00:05:29: Die kann man leider nicht beim Notar hinterlegen.
00:05:32: Ich kenne Menschen und ich schließe mich dabei selbst bei weitem nicht aus die sich sehr gewissenhaft darum kümmern Dass ihre Kinder später möglichst wenig Abschaftssteuer zahlen und gleichzeitig empören wir uns darüber das der Staat mehr Geld für Bildung ausgeben soll.
00:05:47: Natürlich muss man über Ausgaben und ihre Finanzierung streiten dürfen Aber ich finde die Frage interessant, was wir eigentlich unter einem guten Erbe verstehen.
00:05:57: Nur das, was auf unserem Konto liegt?
00:05:59: Oder auch das,was wir gemeinsam aufgebaut erhalten oder eben vernachlässigt haben!
00:06:05: Es gibt noch einen Punkt über den wir in meiner Generation nicht besonders gern sprechen – Wir sind viele und wir werden älter.
00:06:15: Wir brauchen Ärzte, Pflegekräfte, bezahlbare Wohnungen, funktionierende Rentensysteme Alles berechtigte Ansprüche.
00:06:22: Aber die Menschen, die das künftig finanzieren und organisieren sollen sitzen heute in unseren Schulen oder stehen davor und demonstrieren.
00:06:32: Ich finde, dass sollte uns interessieren – nicht aus Großzügigkeit sondern schon aus ziemlich handfestem Eigeninteresse!
00:06:40: Wir erwarten von den Jungen, dass sie später Verantwortung übernehmen für Unternehmen, für die Demokratie, für unsere Versorgung vielleicht irgendwann auch ganz persönlich für.
00:06:50: Aber Verantwortung kann man nicht erst dann verlangen, wenn man sie selbst braucht.
00:06:56: Manus muss jungen Menschen vorher die Möglichkeit geben, sie zu lernen und auszuüben – und dazu gehört dass man sie ernst nimmt!
00:07:04: Und dann auch wenn sie unbequem werden?
00:07:09: Vielleicht sogar gerade dann... Was mich an den französischen Protesten besonders beschäftigt ist die Verschiebung der Erwartung.
00:07:17: Achtundsechzig wollten junge Menschen die Gesellschaft verändern.
00:07:20: Heute verlangen Schüler zunächst einmal, dass ihre Schule funktioniert – das ist ein ziemlich bescheidener Ausgangspunkt für eine Revolte und gleichzeitig ein trauriger!
00:07:32: Denn wer mit sechzehn schon darum kämpfen muss, dass genügend Lehrer da sind hat möglicherweise weniger Vertrauen in den Versprechen der Erwachsenen.
00:07:41: Wir sprechen gern davon, dass die Jugend unsere Zukunft ist.
00:07:44: Das klingt wunderbar.
00:07:46: Es hat nur einen kleinen Haken Für die Jugendlichen ist diese Zukunft keine Sonntagsrede.
00:07:52: Sie müssen tatsächlich darin leben, mit allem was wir ihnen hinterlassen und mit allem das wir nicht erledigt haben!
00:08:03: Ich möchte aber auch nicht in das andere extrem verfallen.
00:08:06: Wir Alten sind nicht an allem Schuld und die Jungen haben nicht automatisch recht nur weil sie jung sind, jede Generation macht Fehler, jeder Generation hat Interessen und jede Generation hält manches für selbstverständlich was andere mühsam erarbeiten mussten.
00:08:21: Auch die jungen Menschen in Frankreich werden eines Tages Entscheidungen treffen müssen Die anderen nicht gefallen.
00:08:27: Vielleicht werden sie dann selbst erleben, wie schwierig es ist, Ansprüche, Geld und politische Wirklichkeit zusammenzubringen.
00:08:34: Aber das ist kein Grund ihre heutigen Forderungen abzutun – im Gegenteil!
00:08:39: Vielleicht wäre es hilfreich wenn wir nicht bei jeder Auseinandersetzung sofort darüber nachdenken würden wer Recht hat sondern zunächst einmal darüber wer die Folgen tragen muss denn die sind nicht immer gleich verteilt.
00:08:52: Ein siebzigjähriger und ein siebzehn-Jähriger können dieselbe politische Entscheidung völlig unterschiedlich erleben.
00:08:59: Für den einen ist sich vielleicht noch für fünf oder zehn oder fünfzehn Jahre Bölleband, für die anderen möglicherweise ein halbes Jahrhundert – oder mehr!
00:09:09: Das macht ihre Meinung nicht automatisch richtiger aber sie macht sie verdammt wichtig.
00:09:15: Und jetzt komme ich zu dem Punkt, der mir persönlich am wichtigsten ist.
00:09:19: Wir sprechen in unserer Gesellschaft ständig darüber was alte Menschen brauchen – mehr Sicherheit, mehr Versorgung, mehr Aufmerksamkeit und mehr Respekt!
00:09:29: Ich beschäftige mich selbst sehr intensiv mit dem Alter werden mit Männern Je nach ihrer Karriere nicht mehr wissen, wo sie hingehören.
00:09:36: Mit Menschen die sich fragen was von ihrem bisherigen Leben bleibt mit Einsamkeit und Beziehungen, mit dem Verlust von Aufgaben Und ich glaube dass wir dabei manches Mal etwas Entscheidendes übersehen.
00:09:49: Alt werden bedeutet nicht das unsere Verantwortung für die Zukunft endet.
00:09:55: Vielleicht verändern Sie sich sogar.
00:09:57: Wir müssen nicht mehr alles selbst machen, wir müssten nicht mehr überall bestimmen.
00:10:01: Wir müssen auch nicht auf jede Frage eine Antwort haben – aber wir können unsere Erfahrungen zur Verfügung stellen!
00:10:07: Wir können zuhören.
00:10:09: Wir können aufhören die eigene Lebensgeschichte zum Maßstab für alle anderen zu machen und wir können anerkennen dass sich die Bedingungen verändert haben.
00:10:18: Der Satz «Wir haben das früher auch geschafft» hilft niemandem der heute vor anderem Problem steht.
00:10:24: Früher war eben früher Eine erstaunlich einfache Erkenntnis, mit der sich manche Menschen ausgesprochen schwer tun.
00:10:33: Ich wünsche mir, dass wir die Protestin Frankreich nicht nur als weitere Nachricht über Unruhen betrachten, das wir nicht nur über Polizei, Barrikaden und politische Schuldzuweisungen sprechen sondern auch darüber, dass junge Menschen von uns erwarten dürfen.
00:10:49: Wir haben ihnen gesagt sie sollen lernen!
00:10:51: Wir haben ihnen gesagt, sie sollen sich für ihre Zukunft einsetzen.
00:10:58: Jetzt tun Sie es!
00:11:00: Und vielleicht versteht unsere Aufgabe nicht darin, Ihnen sofort zu erklären was Sie falsch machen sondern endlich einmal genau hinzuhören.
00:11:08: Denn es gibt auch eine gute Nachricht Diese Jugendlichen haben Ihre Zukunft noch nicht aufgegeben.
00:11:15: Sie glauben offenbar noch daran dass sich etwas verändern lässt.
00:11:19: Sonst würden Sie Zuhause bleiben.
00:11:22: Vielleicht ist genau das die Hoffnung, dass die nächste Generation noch bereit ist für etwas zu kämpfen.
00:11:27: Dass wir längst für selbstverständlich gehalten haben und vielleicht sollten wir dabei nicht nur am Fenster stehen und den Kopf schütteln.
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